Bankdrücken

Was nun? Was tun?

Trinken, stinken, erkranken, liegen? Oder nicht trinken, nicht stinken, hingehen? Ich bin unschlüssig. Ich bleibe sitzen. Ich überlege: Wiese hier und enge Bänke dort. Ich da und Hinterkopf  dort. Hier Stille, dort vielleicht ein Wort.

Hmm…

Was nun? Was tun.

Was ist Sitzen? Pass auf:

Sitzen ist, wenn man feige ist. Nicht eine Feige, sondern feige; das Attribut der Schüchternen, der Tarnmantel der Langweiler. Ach Gott, ich kann das nicht. Sitzen ist besonders anstrengend, wenn man nichts zu tun hat.

Ich will nicht schlafen! Dafür ist es noch zu früh. Zuviel Zucker im Blut und in den Mundwinkeln. Was tun? Dienstag neun Uhr fünfzehn in der Früh.

Dieser Junge! Warum sitzt er vor mir, zeigt mir seinen Hinterkopf? Jedes Mal, setzt er sich vor mich. Oder ich mich hinter ihn? Ansichtssache. Ich notiere mit, was er so treibt. Wie er schreibt oder seine Nase reibt. Doch ich kann nicht mehr! Ich kann nicht, will nicht, soll nicht, meine Seite sticht. Ich geh nicht hin. Adieu, Hinterkopf, deine Bekanntschaft war kurz und schuppenfrei.

Ich überlege: In der Nacht sitzen. Leise. Beinahe wie am Tag, an einem lauen Sommermorgen. Mühselig, wenn das Schlafen unmöglich, das Nicht-Denken undenkbar. Ich gehe einen Schritt und falle zwei zurück. Ich quäle mich nach vorne und quäle damit auch  mich. Die anderen nicht. Wer sind schon die anderen? Und überhaupt: wer ist er? Will ich wissen, bitte sehr.

8 Stunden. Genau richtig. Jetzt aber! Sofort! Ab ins Bett, morgen aufstehen. Muss sein. Die Schulbank ruft, das Holz knarzt, Strumpfhose reißt, Studentin die immer Nagellack sucht.

Ich kann das nicht! Ich nicke mir zu. Weise gesprochen! Sehr weise, aber leider auch zu leise!

Der Hinterkopf. Wurde der schon genauer erforscht? Sicher ist sicher, ich frage das morgen genauer nach! Schwarze Haare ebenso, und im Kopf hat der bestimmt mehr als nur Stroh. Ich reime. Das heißt es geht bergab mit mir. Denn, immer wenn ich reime, weiß ich weder ein noch aus, muss aber jedenfalls bald raus! Ha ha!

Ich mag die Frau die ich bin wenn ich ihn sehe. Ob er auch die Frau mag die ich bin wenn ich ihn sehe? Logisch! Er muss mich nur so kennen lernen, wie ich mich kennen gelernt habe. So einfach ist das.

Aber nur für das Verständnis; ich mag mich die meiste Zeit über. Ich kann mich recht gut leiden. Da frage ich mich selbst aber auch: How comes? Und dann antworte ich: Why should I tell? Wie würde die Welt denn aussehen wenn jeder mein Geheimnis wüsste. Dann wäre es mit der Feigheit ja nicht weit her. Seufzen. Wer bin ich? Ich lache. Feig bin ich, das bin ich.

7 ½ Stunden. Puh!

Hingehen oder nicht? Hingehen oder nicht?

Leise gehe ich ein paar Schritte. Gehen in der Nacht. Beinahe wie früher, da hatte ich noch ein wenig Kilos mehr, einen hysterischen Anfall – von der Nacht auf den 13.Mai zum Sommernachmittag der Sterne – und eine Falte zwischen den Augenbrauen weniger. Früher – waren das noch Zeiten. Zeiten? In der Nacht schlafen. Das waren Zeiten.

Nun sitze ich und sitze, gehe und denke nicht nicht.

Was nun? Gehen oder nicht gehen? Zwingen oder nicht zwingen? Mit sich stehen oder doch ringen? Ich schüttel den Kopf, das passt doch alles in den Topf!

Ich döse. Aber nicht zu lange.

Noch 5 Stunden. Ich schwitze. Aber nur ein bisschen.

Früher!

Früher da war ich charmant und geheimnisvoll, tanzte wie eine freie Sklavin und war immer toll, wenn ich schlief, ob alleine oder nicht. Einsam oder zu zweit einsam, zweisam jedoch selten. Früher, sagte ich beizeiten, die Nacht sei wunderbar.

Immer noch 5 Stunden. Ich schwitze erneut.

Ich kannte einst eine Frau – sie sagte, sie liebe mich und das Leben. Leider liebte sie das Leben mehr und opferte diesem alles. Leider auch ihr Leben. Wir verblieben Freunde.

Eigentlich mag ich das Bankdrücken. Das Bankdrücken in der Vorlesung, nicht das schwitzig-spartanische im Studio.

Das Bankdrücken… Die Zeit steht da still. Die Außenwelt ist nicht mehr weiter die reale Welt. Die Zeit vergeht langsam, endlos langsam. Man hofft auf Besuch, auf ein Zeichen, auf irgendetwas. Die Zeit vergeht nicht. Alles ist streng geordnet. Die Zeit, die Hörer, manchmal auch der Vortrag, sicher aber immer die mitgebrachten Kekse.

Hingehen oder nicht? Was war denn gleich das Thema? Dienstag neun Uhr fünfzehn war es.

Was hat dieser Hinterkopf an sich? Ich analysiere: Er ist männlich. Hmm, ich habe eine Schwäche für Männer, daran könnte es liegen. Interessant. Was Freud dazu sagen würde? Ich habe sicher einen Penisneid mit Vaterkomplex. Haha, ich habe gar keinen Vater! Nochmal Glück gehabt – also nur der Penisneid. Aber bei einem Hinterkopf? Skeptisch bin ich, die Schlaflosigkeit bleibt septisch. Der Hinterkopf, der Hinterkopf. Er wird mich noch in weiße Räume bringen…

4 Stunden. Ich schwitze nicht, schlafe zuwenig und denke zuviel. Was ist nur los mit mir?

Wo bleibt das Bett der Wiesen? Das Beet aus warm duftenden Gräsern, umhüllt von Sonne. Im Gesicht mein drei fünfzig Strohhut, durch den die Sonne kitzelt, neben mir die übrigen Kekskrümel vom nicht gemachten Bankdrücken.

Also nochmal von vorne: Sitzen. Bei nächtlicher Nacht. Im Kopfe tausend Ideen und keine auf dem Blatt. An der Wand stehen und im Regen sehen, leise gehen, leise erinnern. Früher, wäre ich hinaus in die Nacht, hätte alle haben können, wäre allein verblieben, hätte den Geschichten, Gerüchen der Nacht und ihren Bewohnern gelauscht, auf der Suche nach dem einen Gerücht, das Sinn ergibt. Sinn genug nicht sitzen zu bleiben, an Freunde zu denken und das Denken abzustellen.

4 Stunden? 4 Stunden? Ich schwitze erneut.

So sitze ich in der Küche und betrachte meine Beine und den Kühlschrank, gleichzeitig und abwechselnd, frage mich, wie es soweit kommen konnte und wann ich endlich die abgelaufene Milch wegwerfe. Wenn ich jünger wäre, würde ich sie trinken, mich an der Übelkeit erfreuen, zwischen Klo und Bett dahin kriechen, mir überlegen, ob ich mein Nachtlager nicht gleich neben der Schüssel aufschlagen sollte und im Endeffekt auf halbem Weg liegen bleiben und mich daran erfreuen. Früher, wäre ich froh gewesen, zwei Schlucke Milch bei mir zu behalten, meine Liebe auch, ebenso den Verstand und die Gedanken, sowie meinen Mageninhalt. Dann wären mir auch die Stunden nicht wichtig! Selbstbetrug? Natürlich, ist aber noch zu meinen Zeiten legal! Und manchmal auch egal.

In der Nacht sitzen, wäre undenkbar. Mit leerem Kopf oder auch nicht. Liebe halten, wie ein Vogel fliegen, das Prädikat ist wechselbar und wankelmütig, dennoch wunderbar.

Dieser Junge, er verdreht mir den Kopf. Warum muss er immer vor mir sitzen? Ich betrachte dann seinen Hinterkopf, er ist sehr schön. Der Hinterkopf, wer sonst, was denkst du denn! Ich herrsche mich selbst an.

Ich überlege: Die Liebe – das ist eine nächtliche Sache, bei Nacht wie bei Tag. Wenn ich jünger wäre, könnte ich erzählen, doch verweile lieber sitzend und bei Nacht.

3 Stunden. Ich kann nicht mehr schwitzen, ich stöhne nur noch. Augen rot, Lippen rot, alles rot! Nur seine Haare schwarz. Schwarz und schön. Und störend! Störend vor allem, wenn ich ihn beobachten muss.

Traurig bin ich, fröhlich drum, entweder ich erinnere mich oder ich denke zuviel. Was nun? Was tun? Wohin gehen? Warum nicht stehen? Verdammt, verdammt! Ich will nicht hin.

Wenn es vorbei ist, lege ich mich nieder, nicht nur ins Bett, doch nicht zum Sterben, nicht mehr sitzend, leise erinnernd, wie es früher war, vor dem Sommernachmittag voll Sterne, als ich noch nicht hysterisch und mit Falten war. So liege ich im Bett und lausche auf die Wiese, die draußen vor dem Fenster wartet. Es ist noch dunkel!

Und dies ist nicht das Ende, auch nicht der Anfang, sondern bloß ein Traum von schwarzen Wolken und hellen Raum, irgendwo im Nirgendwo.

Ich werde in eine andere Hölle ziehen und meine Gedanken mir hinterher, auf dass es den Himmel nicht mehr gibt, die Gedanken lasten schwer und es die Last der Gedanken von mir schiebt.

Warum liege ich hier verdammt? Steh auf! Steh auf!

Der Sommernachmittag der Sterne ist vorbei, die Zeit drängt, die Wiese glüht. Die Vorlesung beginnt. Mein Hinterkopf wartet auf mich. Er weiß es nur noch nicht.

So stehe ich auf, runzle meine faltige Stirn. Ein Schritt. Ein zweiter Schritt. Ein dritter Schritt.

Ich bleibe stehen und lausche. Das Bett steht neben mir und ich warte auf seine Antwort.

„Noch 1 Stunde, “ schreit mir das Fahrrad entgegen, „von wegen“ sage ich zu dieser Frage. Ich betaste meine Falte, leider ist sie noch immer da! Ich gehe zum Kühlschrank und beäuge die Milch, die da ganz unschuldig steht. Sie steht und stinkt, wartet dass jemand sie trinkt.

Doch nicht mit mir! Mit mir ist nicht einmal die Zeit, ich habe keine Nerven jetzt mit ihr zu diskutieren.

Ich sehe hoch, die Augen rot, 40 Minuten sind es, mehr bleibt nicht mehr.

Steh auf, steh auf, du Luder! Beinahe wie früher ist es, als ich in der Nacht nicht schlief und stattdessen mit schwarzen Augen, schön und dunkel herum lief und die Menschen grüßte. Sie grüßten zurück, aber das war damals – da waren alle noch nett, das war vor der Erfindung der Unhöflichkeit.

Was nun? Was tun?

Trinken, stinken, erkranken, liegen? Oder nicht trinken, nicht stinken, hingehen? Ich bin unschlüssig. Ich bleibe sitzen. Ich überlege: Wiese hier und enge Bänke dort. Ich da und Hinterkopf  dort. Hier Stille, dort vielleicht ein Wort.

Hmm…

Was nun? Was tun.

20 Minuten. Die Milch lacht mich hämisch aus. „Feige bist du, du Luder du, “ lacht sie aus dem Kühlschrank. Ich schließe die Tür und denke: recht hat sie. Der Hinterkopf ist vielleicht gar nicht da und ich bin grundlos feige.

Nur Mut, nur Mut, nichts erntet wer nichts tut. Ich nehme die Milch und werfe sie gekonnt in den Mülleimer.

Schließlich kann ich feige sein und gesund. Der Hinterkopf kann warten.

Und dafür frage ich ihn nächste Woche nach seiner Mitschrift. Guter Plan!

Sein Glück muss man sich schließlich selber generieren, las ich einmal in einem Glückskeks. Deine Frau betrügt dich bald, las ich in einem anderen. Gut das ich keine Frau habe, denke ich mir.

Mit Erleichterung sinke ich ins Bett. Für die Wiese bin ich nach dieser Nacht zu müde.

Augen zu, Ohren runter, stille Ruh, die Träume werden bunter.

Bankdrücken – ja, bitte! Momentan ausverkauft, kommt aber sicher nächste Woche wieder rein…


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